Arno Schneppenheim im Interview

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Reality-Eskalation: "Man muss im Zweifel mal auf die Bremse treten"

17.03.2021

Wie die Jungfrau zum Kind kam Banijay Productions zum Reality-TV. Über Erfolge und Verantwortung in dem Genre, Comedy-Probleme in Deutschland und Lehrgeld der ersten drei Jahre spricht Geschäftsführer Arno Schneppenheim im DWDL.de-Interview

Herr Schneppenheim, wie viel Reality-TV verträgt das deutsche Fernsehen noch?

Hoffentlich noch eine Menge, da wir in dem Genre erfolgreich produzieren.

Können Sie all die Formate noch auseinanderhalten?

(lacht) Die Ansprache ist oft schon ähnlich und wahrscheinlich käme ich gerade auch nicht auf alle Formate, die in den letzten 18 Monaten on air gegangen sind. Gerade TVNow hat das Genre stark besetzt, weil es laut Henning Tewes gut läuft und wir freuen uns mit "Temptation Island" und "Temptation Island VIP" dabei zu sein.

Bekommen Sie Zahlen genannt zu ihren Formaten?

Nein, Zahlen haben wir keine, die werden ja von kaum einem Streamer veröffentlicht. Aber es wird viel investiert und da ist meine Schlussfolgerung: Wird sich schon lohnen. Im linearen Fernsehen verhält sich das ein bisschen anders: Die etablierten Marken wie "Bachelor", "Promi Big Brother" oder "Sommerhaus der Stars" sind stark unterwegs, wenn sie sich nicht selbst ein bisschen Schwierigkeiten machen. Auch der Dschungel wird wieder funktionieren. Aber viele neue Formate tun sich wahnsinnig schwer - insbesondere dann, wenn sie weit abweichen von den Erwartungen an das Genre. Umso dankbarer bin ich, dass "Kampf der Realitystars" für RTLzwei der erfolgreichste Neustart des Jahres 2020 war.

"Selbst ich sehne mich plötzlich nach den Fernsehmessen in Cannes"

Woher kommt die extreme Nachfrage nach dem Genre?

In der aktuellen Situation bedient das Genre die Sehnsucht nach Unbeschwertheit, Urlaub und ein bisschen Spaß, Party und Flirt. Wir sehen Inseln, schöne Villen und Menschen, die ausgelassen feiern können, was wir uns auch mal wieder wünschen. Früher schon waren exotische Inseln Sehnsuchtsort für viele – jetzt sind sie es mehr denn je. Der Wunsch nach Abwechslung ist groß. Selbst ich sehne mich plötzlich nach den Fernsehmessen in Cannes, das hätte ich mir nie träumen lassen. Und ein zweiter Grund: Reality lässt sich wahnsinnig leicht konsumieren. Man ist schnell drin und vielleicht guckt man auch mal 15 Minuten ohne danach sagen zu können, was in den letzten 15 Minuten passiert ist. Wie bei einer Party, bei der man nicht immer alles mitbekommt aber am Ende sagt: Hat Spaß gemacht.

Sie sagten eben "wenn sich manche Formate nicht selber Schwierigkeiten machen". Was meinten Sie damit?

Die Grundtonalität sollte immer lustig sein. Da wird mal gestritten, weil das Genre vom Konflikt lebt, aber in der Darstellung und Auflösung sollte es immer dem Ziel dienen: Spaß dabei zu haben. Wir machen das ja letztlich, um zu unterhalten. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass man im Zweifel mal auf die Bremse treten muss. Vielleicht war das nötig. Wobei man eigentlich nicht erst krank werden muss, um wissen zu können, dass gesund sein besser ist. Ich glaube, dass rückblickend gewisse Sendungen so nicht mehr gemacht werden würden, weil sich die Macherinnen und Macher selbst darüber erschrocken haben. Was sich mir nicht erschließt ist aber die Tatsache, dass man bei vorproduzierten Formaten nicht vor der Ausstrahlung etwas den Druck vom Kessel genommen hat. Wir haben übrigens auch immer Psychologinnen oder Psychologen dabei, die unsere Produktionen komplett begleiten.

Und keine Psychologin oder Psychologe hält die Grundidee eines Formats wie „Temptation Island“ für eine Schnapsidee? Wenn Beziehungen durch die Animation zum Fremdgehen getestet werden sollen? Ich frage mich, was für ein Typ Mensch da mitmacht…

…der Typ Mensch, der Fame sucht. Das ist so. Da machen wir uns nichts vor. Der Grundantrieb der Formate dieses Genres ist der Exhibitionismus berühmt werden zu wollen, ob man es vorher schon ein bisschen war oder nicht. Menschen sind verschieden und die Erwartungen an das, was Bekanntsein mit sich bringt, groß. Zugegeben, ich persönlich würde meine Beziehung nicht bei "Temptation Island VIP" auf die Probe stellen wollen, wobei ich aber auch keine VIP bin.

Also nach dem, was Sie da als VIP definiert haben, dürften Sie mitmachen.

(lacht) Wir sind doch alle irgendwie für irgendwen VIP. Aber nochmal ernsthaft: Natürlich ist das ein spezielles Klientel, das man für diese Formate sucht. Das sind keine 0815-Couples mit Doppelhaushälfte aus Bergheim, die sich sagen: „Ach komm Schatz, das wär‘ doch was für uns. Dieses Jahr 'Temptation Island' statt Toskana?“. Ich glaube dieses Format lebt von extrovertierten Paaren, die sich in einer Phase sehen, in der eine solche Sendung für sie tatsächlich prüft ob die Beziehung überhaupt das Wort wert ist.

Einst wurde Social Media bejubelt, weil es das Casting erleichtere. Bei vorproduzierten Formaten ist Social Media aber auch Herausforderung, damit die Kommunikation dort nicht der Ausstrahlung der Shows vorauseilt….

Da regen mich viel mehr die Medien auf, die glauben es würde irgendjemandem Spaß bringen, wenn sie vorab den Ausgang von Formaten verraten. Das bringt doch niemandem etwas. Die Betreuung von Kandidatinnen und Kandidaten zwischen der Aufzeichnung ist für das Team sehr intensiv geworden. Damit Locations, Fotos, Küsse oder Statements nichts vorwegnehmen.

Braucht es Prominente für ein erfolgreiches Realityformat?

Wenn Desiree Nick in ein Format geht, dann hat sie sich vorher genau überlegt, was sie erzählen will. Da meine ich sie jetzt stellvertretend für etliche Prominente, die derzeit oft stattfinden, weil sie performen. Wer das Spiel kennt, geht mit Agenda in solche Formate. Das garantiert Drama, da sind Nicht-Promi-Kandidaten unberechenbarer, was im Glücksfall toll ist, weil man überrascht wird. Aber es kann auch für Durchhänger sorgen. Deswegen spielen Namen durchaus eine Rolle.

Das von Ihnen für Vox produzierte "Survivor", eigentlich ein Ur-Format des Genres, ist gänzlich anders - und gefloppt, vermutlich weil sich nach fünf Minuten auf einer schönen Insel noch niemand ausgezogen hatte…

„Survivor“ war ein Format, auf das ich stolz bin. Ich habe die Storys aufgesogen, weil die Leute - obgleich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten - so normal waren. Aber es wurde nicht angenommen und die Antwort ist rückblickend einfach: Das Format ist komplexer, mit einem Storytelling wie eine Serie. Es hat nicht diese durch andere Formate gelernte Leichtigkeit und wer nicht von Anfang an dabei war, kam später nicht mehr rein. Was ich aber sehr zu schätzen weiß: Vox fand die Sendung vor dem Start super und auch noch, als es später quotenmäßig nicht lief. Das ist nicht selbstverständlich.

Ist das so?

Was wir alle miteinander vielleicht ein bisschen verlernt haben ist, unsere Programme zu zelebrieren und mit Stolz und Freude anzubieten. Man startet manchmal lieber still und leise, damit ein Flop nicht so auffällt. Quoten-Flops gehören aber seit Anbeginn der Quotenerfassung dazu. Wenn aber alle voll hinter dem Inhalt stehen, dann darf man auch selbstbewusst vorangehen, manchmal sogar auf den Putz hauen. Als RTL einst die Bühnenprogramme von Standup-Comedians ins Programm nahm, konnten die Hallen nicht groß genug sein. Der TV-Zuschauer sollte sehen: da gucken ja etliche Leute einer Person auf der Bühne zu, da bleibe ich auch mal dabei. Nicht zuletzt dadurch wurde Standup in Deutschland so erfolgreich. Diese Mentalität, beeindrucken zu wollen und auch mal größer zu denken als nötig, sollte es wieder öfter geben.

Wenn ich Banijay Productions drei Jahre nach der Gründung charakterisieren müsste, wäre es falsch zu sagen, Sie spezialisieren sich auf Reality und Comedy?

Ja, das wäre falsch. Ich persönlich bin schon lange in der Comedy unterwegs und mit "Survivor" wie die Jungfrau zum Kinde zur Reality gekommen. Und auf einmal machen wir einen Großteil unseres Umsatzes mit Reality-Formaten. Da hatte ich vor drei Jahren bei der Gründung der Baniijay Productions maximal als Zuschauer Berührung mit. Auch die Kolleginnen, die die Formate jetzt verantworten – allen voran unsere Creative Directorin Katrin Heller, aber auch unsere Executive Producerinnen Andrea Lange und Kirsten Rütt - haben früher keine Reality gemacht. Das haben wir uns angeeignet und gute Leute mit Erfahrung dazu geholt. Deswegen sind wir mittlerweile gut unterwegs in dem Genre und es kommt auch noch mehr. Der zweitstärkste Bereich ist aber definitiv Factual, wo wir mit "Kitsch oder Kasse" auch schon eine Daily hatten.

"Leider ist Comedy im TV derzeit nur ein Bruchteil der Programmvielfalt, die wir vor zehn Jahren hatten"

Die sich allerdings nicht behaupten konnte am RTL-Nachmittag...

Was auf diesem schwierigen Slot aber auch kein Einzelfall war. Und wir freuen uns, mit "Allererste Sahne - Wer backt am besten?" jetzt mit zunächst 20 Folgen eine neue Daily für Vox unter der Führung von Executive Producer Imke Runde zu produzieren und pilotieren eine weitere Daily-Idee aktuell für Sat.1. Wir haben "Pocher und Papa auf Reisen" produziert, was meiner Meinung nach das Beste ist, was Oliver Pocher zuletzt im Fernsehen gemacht hat. Das waren super Abenteuer, weil sein Vater Gerd auch einfach toll ist. Ebenfalls mit Vox arbeiten wir zudem gerade an einem gesellschaftlich sehr relevanten Format, auf das ich mich auch schon sehr freue. Und dann kommt nach Factual auf jeden Fall die Comedy, was auch meine persönliche Leidenschaft ist. Künstler zu finden und aufzubauen. Leider ist Comedy im TV derzeit nur ein Bruchteil der Programmvielfalt, die wir vor zehn Jahren hatten. Wir haben Bastian Bielendorfer, Özcan Cosar wollen wir aufbauen und arbeiten mit unserem "Standup 3000" für Comedy Central an Fläche für neue Talente. Das vermisse ich übrigens sehr: Live-Comedy.

Dem deutschen Fernsehen fehlt Comedy?

Ja. Zur Primetime ist es sehr schwer mit reiner Comedy zu punkten und außerhalb der Primetime ist kein Geld mehr da. Wir erleben derzeit als Long-Runner eher kleine Inseln wie Klaas am Dienstag auf ProSieben oder Knossi bei RTL.

Ich kenne die Argumentation, aber wir hatten gerade im letzten Jahr dann auch die Experimente von "Pocher - Gefährlich ehrlich" bei RTL und Teddy bekam sogar eine Primetime-Show bei ProSieben, bei ZDFneo wird "Late Night Alter" probiert. Es stand schon schlimmer um die Experimentierlust.

Es wird besser ,aber meistens mit kleinen oder sehr kleinen Staffeln. Wenn man daran denkt, wie viele Comedy-Formate zu Höchstzeiten eine wichtige Säule im Programm vieler Sender waren und das mit Kontinuität und hohen Folgenzahlen, dann schaut man schon ein wenig wehmütig zurück. Es geht mir um längerfristige Sichtbarkeit, um Comedians dann überhaupt erst primetimetauglich zu machen – wie einst Joko & Klaas, Stefan Raab oder Luke Mockridge. Nehmen wir aktuell nur mal Bastian Bielendorfer, er kann für mich Harald-Schmidt-Niveau erreichen, bringt Klugheit und verschmitzten Humor zusammen.

Mehr Kontinuität also…

Was soll ein Künstler davon halten, wenn ein Sender sagt, er will alle paar Monate eventuell mal drei neue Folgen? Darauf kannst du ja deine Karriere nicht stützen, nichts aufbauen. Dann kann eine TV-Show keine Priorität für einen Künstler haben. Da braucht es ein durchgängiges Commitment für ein paar Monate, Rückschläge eingerechnet, aber eben auch Fortschritt. So wurden über Jahre etliche, große Namen nachhaltig aufgebaut. Wenn über eine längere Zeit allerdings nichts zuckt, dann darf man Künstler und Produzent auch gerne die Ohren langziehen.

Dem würde Carolin Kebekus vermutlich gerade auch zustimmen. Welche Rolle spielen Shows für Banijay Productions?

Das ist ein Genre, in dem wir hinterher hinken. Da finden wir gerade gar nicht statt. Ich bin auch gerne mit großem Team im Studio, das ist schon Königsklasse. Das war ja jahrelang mit Joko & Klaas so. Auch "Sing On" mit Palina als Hub in England für Netflix hat sehr großen Spaß gemacht.

"Wir hätten fürs Hin- und Her-Gelaufe fast schon Pendlerpauschale abrechnen müssen"

Was konnte man denn aus "Die Live Show bei Dir zuhause" bei ProSieben mitnehmen? Das haben Sie vermutlich unter Lehrgeld verbucht?

Die erste Folge war definitiv Lehrgeld. Da haben wir einige Dinge unterschätzt und hätten fürs anarchische Hin- und Her-Gelaufe fast schon Pendlerpauschale abrechnen müssen. Aber eins bleibt: Wir dürften auf absehbare Zeit Rekordhalter bei übereinanderliegenden Tonspuren bleiben. Das hat bei der zweiten Show besser geklappt, aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen.

Hatte der Erfolg von "The Masked Singer" Auswirkungen auf das Genre und die Nachfrage?

Die Nachfrage von Shows mit Überraschungsmomenten zum Miträtseln ist kurzfristig enorm gestiegen. "Big Perfomance", "Fame Maker", "I can see your voice", "Pretty in Plüsch". Da haben wir bei mehreren Sendern einige Ideen in diese Richtung gesehen, von denen nur wenige das erhofft große Publikum fanden. Deswegen ist die Begeisterung für neue Showideen im Vergleich zum letzten Sommer vielleicht schon wieder etwas gedrosselt. Jetzt wird es spannend zu sehen, wie die RTL-Flagschiffe ohne Bohlen ausgerichtet werden und hoffentlich nimmt der Hunger nach mehr großen Shows nach der dritten und somit hoffentlich letzten Covid-Welle wieder zu und damit auch die Lust der Sender, Geld auszugeben (lacht).

Wie fällt am Ende Ihre Zwischenbilanz aus nach drei Jahren Banijay Productions?

Es kam vieles schneller und manches anders als gedacht. Offen zu sein ist wichtig und einen großen Anteil daran haben sicherlich auch unsere vielen Kollegen und Kolleginnen. Übrigens: 60 Prozent der Führungspositionen bei uns sind weiblich besetzt, was mich wirklich sehr freut. Für mich persönlich schließt sich hier bei Banijay ein Kreis: Ich habe lange bei Brainpool und später bei Endemol Shine gearbeitet, dann die Banijay Productions gegründet und kurz darauf kauft Banijay komplett Brainpool und Endemol Shine. Allerdings ist es mir wichtig zu unterstreichen, dass die Banijay Productions, wie alle Firmen der Gruppe, selbstständig arbeitet.

Herr Schneppenheim, herzlichen Dank für das Gespräch.


von Thomas Lückerath DWDL